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Kriterien der Erhaltung historischer Verkehrswege
Den Dialog öffnen für die Bedeutung des Kulturerbes – dieses Ziel verfolgten im September 2018 verschiedene Veranstaltungen in der bündnerischen Gemeinde Andeer anlässlich der 25. Ausgabe der Europäischen Tage des Denkmals sowie des Kulturerbejahres 2018. Ein Anlass des Bündner Heimatschutzes befasste sich in diesem Rahmen auch mit der Bedeutung historischer Verkehrswege sowie ihrer Gefährdung als Kulturgut. Dies bot dem ASTRA die Gelegenheit, anhand zahlreicher lokaler Beispiele aus dem Kanton Graubünden darzulegen, wie und nach welchen Kriterien der Bund die Erhaltung historischer Verkehrswege unterstützt. Zum Ausdruck kam dabei, dass es bei vielen Erhaltungsprojekten – aber auch beim Schutz oder der Milderung von Eingriffen – fast nie Standardantworten gibt auf die komplexen Herausforderungen konkreter Erhaltungsmassnahmen.
Dies illustrieren die folgenden Beispiele:

Beim «Steinstäg» an der alten Averserstrasse in Cröt musste der eingeknickte Brückenbogen stabilisiert werden. Bei der Rekonstruktion der Brüstung der Brücke entschied man sich für eine exakte, fast etwas perfekte Lösung (Bild rechts). Allerdings ist heute nicht mehr bekannt, welche Art von Brüstung die Brücke ursprünglich hatte. Sollte man in solchen Fällen allenfalls auf eine Rekonstruktion verzichten und ein modernes Element als Sicherheitsschutz anbringen? Eine Frage, die bei jedem Projekt individuell beantwortet werden muss.

Das ASTRA kann in der Regel Massnahmen, die zu einer «Kulissenwirkung» führen, nicht oder nicht in vollem Ausmass unterstützen. Aber auch hier gilt es abzuwägen, wo der «reinen» Erhaltung des Verkehrsweges eine starke und zunehmende Nutzung entgegensteht, wie bspw. am Splügenpass. Damit die Strasse in ihrem Charakter (Breite, Stützbauwerke, Begleitelemente) erhalten werden kann, musste für die statische Ertüchtigung für den heutigen Verkehr der Kompromiss eingegangen werden, an bestimmten Stellen gezielt, möglichst minimal und diskret, Beton zu verwenden.
Augenmass braucht es, wenn übergeordnete Projekte – wie hier eine im Bild nicht wahrnehmbare Fernwärmeleitung – massiv in die historische Substanz eingreifen, jedoch nicht sichtbar sind. Sehr oft gilt dann, dass Charakter und Erscheinungsbild vor denkmalpflegerisch minuziöser Erhaltung auch unsichtbarer Bauteile geht und solche Projekte daher vom ASTRA unterstützt werden können.
(Foto: Astra, B&H)
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Vertiefungsthema: Historischer Verkehrsweg
als «Velostrasse»?
Mit dem Agglomerationsprogramm verfolgt die Stadt Chur das Ziel einer koordinierten Siedlungs- und Verkehrsentwicklung. Ein Massnahmenpaket sieht dabei verschiedene Verbesserungen für Radfahrerinnen und Radfahrer vor, die täglich mit dem Velo zur Arbeit pendeln. Unter anderem soll zwischen Chur und Trimmis eine neue Radwegverbindung als Alternative zur Hauptstrasse zwischen Chur und Landquart geschaffen werden.
Rund ein Drittel des geplanten Velowegs führt zwischen Maschänser Rüfe und Trimmis über einen traditionellen Naturweg. Dieser Abschnitt ist im Bundesinventar der historischen Verkehrswege als Objekt mit viel Substanz (GR 317) bezeichnet. Er zeichnet sich aus durch eine sehr gut erhaltene historische Bausubstanz, eine naturbelassene Oberfläche und die vielen wegbegleitenden Trockenmauern. Der Weg ist fein in die Landschaft eingepasst und trägt wesentlich zur hohen Attraktivität der Naherholungslandschaft bei.
Im Zuge des Radwegprojekts war ursprünglich geplant, die gesamte Strecke von Chur nach Trimmis als durchgehend asphaltierte Fahrbahn zu gestalten. Zahlreiche Einsprachen und eine kritische Fachstellungnahme des ASTRA haben jedoch zu einer Überarbeitung des Projekts geführt. So forderte das ASTRA, dass der historische Verkehrsweg mit seiner gesamten Substanz ungeschmälert erhalten bleiben muss. Dazu gehören die Erhaltung der Trockensteinmauern, der unversiegelten Wegoberfläche, der Massstäblichkeit des Weges sowie der geländebedingten Unregelmässigkeiten (Wechsel von Verengungen und Aufweitungen, Senken und Erhebungen).
Um eine denkmalpflegerisch fachgerechte und auch für den täglichen Radverkehr taugliche Lösung zu erreichen, entschied man sich für die Erstellung von drei unterschiedlichen Testabschnitten. Dies war zudem eine Bedingung für die Freigabe der Mitfinanzierung durch den Bund. Die Teststrecken sollten aufzeigen, wie eine verfestigte Kofferung, eine verbesserte Entwässerung und eine gut befahrbare Wegoberfläche unter Einhaltung der gestalterischen Auflagen des ASTRA realisiert werden können.
Im Herbst 2018 wurden drei Varianten eingebaut. Allesamt bilden sie aus Sicht der Erhaltung des historischen Verkehrsweges eine gute Lösung. Bei zwei Typen erkannte man allerdings noch in der «Probezeit», dass sie eine zu geringe Kofferung und Stabilität bzw. eine voraussichtlich zu kurze Lebensdauer aufweisen. Ein Oberflächentyp mit dem Einbau einer Mergelschicht mit Material aus Ragaz, der sich an anderer Stelle in Trimmis bereits bewährt hat, konnte hingegen überzeugen, und er wurde für den Bau der Velowegstrecke gewählt. Damit steht nun einer Realisierung der Radwegverbindung über einen historischen Verkehrsweg nichts mehr im Weg.

Beim Test mit drei verschiedenen Oberflächentypen hat sich die Variante mit Mergel aus Ragaz für den historischen Weg (Bild links) am besten bewährt. Sie zeichnet sich vor allem auch durch die gute Lebensdauer aus, wie eine Wegstrecke in Trimmis (Bild rechts) mit gleicher Oberfläche nach mehr als vier Jahren intensiver Nutzung zeigt.
(Foto: ASTRA)
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IVS-Projekte im 2018 – ein Überblick
Das ASTRA blickt auf ein anspruchsvolles und erfülltes Jahr 2018 zurück. In den vergangenen Monaten konnten zahlreiche, vielfältige Projekte zur Erhaltung historischer Verkehrswege beratend und finanziell unterstützt werden. Insgesamt hat das ASTRA in 10 verschiedenen Kantonen für 23 Projekte eine finanzielle Unterstützung verfügt. In der Verfügungsphase beim ASTRA befinden sich 11 Projekte. Insgesamt bearbeitet das ASTRA derzeit 61 aktive Finanzhilfeprojekte, die noch nicht abgeschlossen sind. Davon betreffen allein 18 Objekte Trockenmauern und 14 befinden sich auf Wanderwegen. Ein weiterer Schwerpunkt bilden Wegoberflächen mit 9 Objekten. Zudem wurde 2018 für vier Brückenprojekte – Thurbrücke, Kanton Zürich; Holzbrücke Neuenhof, Kanton Aargau; Kesslismühle, Kanton Appenzell Innerrhoden; La via del Ceneri, Kanton Tessin – die finanzielle Unterstützung zugesagt.

Regionale Verteilung der rund 60 Finanzhilfeprojekte, die Ende 2018 in Bearbeitung sind. (Grafik B&H, Kartengrundlage ThemaKart BFS 2004)
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