IVS-Fachtagung des ASTRA 2025 – Im Zeichen der Zukunft unserer Wege mit Vergangenheit.
Auf der Klosterhalbinsel in Wettingen (AG) kamen am 4. September 2025 auf Einladung des Bundesamts für Strassen (ASTRA) rund 60 Teilnehmende zur jährlichen Fachveranstaltung des IVS zusammen. Die Repräsentanten diverser Bundesämter, der kantonalen Fachstellen, eine Delegation der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) und der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege (EKD) sowie weitere Fachleute wurden in traditionsreicher Atmosphäre im Klosterbräu Wettingen empfangen. Das Thema des Tages: Die Nachführung des IVS-Bundesinventars.
Laut der Verordnung über das Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz muss dieses innert 25 Jahren nach Verordnungserlass nachgeführt werden. Das Kartenmaterial besteht teilweise in sogenannter Rasterform, das heisst Änderungen lassen sich daran nach einmaliger Eingabe nicht mehr vornehmen. Die Nachführung des Bundesinventars sieht deshalb vor, die Art und Weise, wie das Kartenmaterial nachgeführt wird, zu modernisieren. Mit der Überführung des Bestandes in sogenannte vektorbasierte Karten können Objekte im Inventar aktiv bearbeitet werden und mit Beschrieben verknüpft werden. Der aktuelle Stand dieser Arbeiten wurde auf der Fachveranstaltung in informativen Beiträgen präsentiert und im Anschluss mit den Fachpersonen der Kantone ausführlich diskutiert. Sie zu involvieren ist wichtig, da die gleiche Methodik in Zukunft den Kantonen zur Nachführung von IVS-Objekten mit regionaler oder lokaler Bedeutung bereitgestellt wird. Die Methodik wird im Winter 2025/26 planmässig den Kantonen sowie weiteren interessierten Behörden und Organisationen zur informellen fachlichen Anhörung unterbreitet.
Alle aktuellen Informationen zur Nachführung und zur Zusammenarbeit bei der Inventarisierung zwischen Bund und Kantonen finden Sie auf unserer Website zur Nachführung des IVS-Bundesinventars.
Den Vorträgen folgte eine gemeinsame Begehung der Klosterhalbinsel, um die im 13. Jahrhundert gegründete Abtei und ihre historischen Wege in der Umgebung zu erkunden. Spuren der Vergangenheit finden sich überall. Auf der Ostseite etwa liegt die Kanzlerrainstrasse mit ihrer alten Holz- und Eisenbrücke von nationaler Bedeutung, ebenso wie die Gwaggelibrugg, die die Limmat flussabwärts überquert. Sie ersetzte 1863 eine Fähre und ist mit grösster Wahrscheinlichkeit die älteste noch bestehende Drahtseilbrücke der Schweiz.
Die Gwaggelibrugg [ IVS-Objekt AG 158.0.1], eine Hängebrücke von nationaler Bedeutung, wurde 1863 vom Textilunternehmer Johann Wild errichtet, um den Arbeitern seiner Fabrik in der Damsau einen direkten Zugang zum Werkgelände auf der Klosterhalbinsel zu ermöglichen. Mit ihrer quer- und längsversteiften Konstruktion zählt sie zu den ältesten noch bestehenden Drahtseilbrücken der Schweiz. Der volkstümliche Name «Gwaggelibrugg» verweist auf das charakteristische Schwanken beim Überqueren. Nach der Schliessung der Fabrik 1972 drohte der maroden Brücke der Abbruch. Dank der Initiative von Landammann Paul Fischer wurde Anfang der 1980er-Jahre ein Kompromiss gefunden: Die historische Struktur blieb erhalten und wurde durch eine neue Stahltragstruktur ergänzt, die seither die Hauptlast trägt. Eine umfassende Sanierung im Jahr 2021 stellte die historische Substanz erneut sicher – unter denkmalpflegerischer Begleitung wurden Tragseile, Hänger und Holzbauteile instandgesetzt und mit einem rotbraunen Korrosionsschutz versehen, der die ursprüngliche Erscheinung betont. Die Gwaggelibrugg steht heute unter Schutz und ist ein seltenes Zeugnis früher Ingenieurskunst.
In unmittelbarer Nähe trifft man auf ein weiteres bedeutendes Brückenbauwerk, das die Geschichte der Region widerspiegelt: Die Alte Limmatbrücke bei der Klosterhalbinsel Wettingen [ IVS-Objekt AG 2.2.1] blickt auf eine lange und bewegte Vergangenheit zurück. Bereits im Hochmittelalter bestand hier ein Übergang über die Limmat. Zunächst konnte hier nur per Wagenfähre gequert werden, da Zürich den Bau fester Brücken zwischen Baden und Zürich untersagte, um seine Zollrechte zu sichern. Erst 1766 entstand durch Hans Grubenmann die erste Brücke, die jedoch 1799 im Zweiten Koalitionskrieg zerstört wurde. Nach provisorischen Lösungen und erneuter Nutzung der Fähre errichtete Blasius Baltenschwiler 1818/19 die heutige Holzbrücke, deren Vorbrücke auf Wettinger Seite 1886 durch eine genietete Stahlbogenkonstruktion ersetzt wurde.
Beide Brückenteile, also die 38 Meter lange Holzbrücke mit Hängesprengwerk und die 19 Meter lange Eisenbrücke mit Fachwerkbögen – wurden zwischen 2020 und 2022 umfassend saniert. Die Holzbrücke wies gravierende Schäden durch Feuchtigkeit und Schädlingsbefall auf, insbesondere an den Trägerbalken und der Fahrbahn. Die Eisenbrücke litt unter fortgeschrittener Korrosion, ausgelöst durch eindringendes Wasser und mangelnden Unterhalt. In enger Abstimmung mit der Denkmalpflege wurden beide Bauwerke instandgesetzt: Die Holzbrücke erhielt neue Obergurte, einen originalgetreuen Massivholzbelag sowie ein neu gedecktes Dach und eine beschindelte Fassade. Die Eisenbrücke wurde vollständig demontiert, ihre Stahlteile gereinigt, beschichtet und mit einer neuen Fahrbahn aus Stahlbeton und Gussasphalt versehen. Hierbei konnte auch die Entwässerung verbessert werden, was die Brücke widerstandsfähiger für die Zukunft macht.
Die während der Tagung begutachteten Objekte sind nur zwei im Bundesinventar, das knapp 3700 Kilometer und über 3000 Beschreibungen von Strecken, Abschnitten und Linienführungen historischer Verkehrswege umfasst. Wir bedanken uns bei unseren Gästen für ihr zahlreiches Erscheinen, ihr Interesse am Projekt und freuen uns schon auf die nächste Fachveranstaltung.


