IVS-Fachveranstaltung des ASTRA 2026 – Eine Wanderung durch die Verkehrsgeschichte der Gotthardsüdseite
Die IVS-Fachstelle des Bundesamts für Strassen lud am 17. September 2026 zur Fachveranstaltung in der Piottinoschlucht in Faido (TI) ein. Nebst der Vermittlung von Fachwissen stand auch Bewegung auf dem Programm: Rund 40 Interessierte aus der Denkmalpflege und den kantonalen IVS-Fachstellen wanderten unter kundiger Führung durch die Piottinoschlucht. Dabei informierten sie sich über die Instandsetzungsmassnahmen an verschiedenen Generationen historischer Verkehrswege.

IVS-Objekt: TI 4.5.9
Bedeutung nach NHG: national, mit viel Substanz
Das Objekt im IVS-GIS ansehen.
Ausgangspunkt der Fachveranstaltung war die Ponte Mezzo am östlichen Ende der Piottinoschlucht. Auf der historischen Mauerwerkbrücke, die heute ausschliesslich dem Langsamverkehr dient, begrüssten die IVS-Fachstelle des ASTRA und die Denkmalpflege des Kantons Tessin mit Kaffee und Gipfeli die Teilnehmenden, die aus der ganzen Schweiz angereist waren. Von hier aus machte man sich in mehreren Gruppen zu Fuss auf den Weg durch die Schlucht. Die Wanderung führte zu bereits instandgesetzten Abschnitten und aktuellen Baustellen. An mehreren Punkten erläuterten die Ingenieure Nicola Cappelletti und Fabio Janner sowie Architekt Enrico Sassi die ausgeführten Arbeiten und die nächsten Schritte.
Wie viel Arbeit bereits in die Sanierung der historischen Verkehrswege in der Piottinoschlucht geflossen ist, zeigt ein Blick auf die vergangenen Jahrzehnte. Bereits 1993 und 2003 liess die Associazione Pro Media Leventina die historische Kunststrasse aus den 1820er-Jahren instand stellen. Nach starken Regenfällen stürzte 2013 jedoch ein rund zwölf Meter langer Abschnitt samt Mauer ein. Dabei kam ein Stück der Strada Urana von 1560 zum Vorschein; ein bedeutender Fund zur Geschichte dieses Verkehrswegs.
2017/18 wurde der eingestürzte Abschnitt wiederaufgebaut. Zugleich verstärkte man die Stützmauern, verbesserte die Entwässerung und sicherte die Felswände. 2019/20 folgten weitere Arbeiten an Mauern und Nebenbauten sowie die Installation von Informationstafeln. Die aktuelle dritte Phase 2026/27 richtet den Fokus auf das Ensemble der Strada Urana von 1560 und der Kunststrasse des 19. Jahrhunderts im obersten Abschnitt des historischen Verkehrsweges gleich unterhalb des Dazio Grande. Die beiden Linienführungen werden dort durch das Freilegen und Sanieren von gepflästerten Kehren, Stützmauern und Natursteinbögen wieder besser lesbar gemacht.
Nach der Wanderung kehrte die Gruppe im Dazio Grande ein, welches eng mit der Verkehrsgeschichte der Piottinoschlucht verbunden ist. Das ehemalige Zollhaus stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Ab 1561 kontrollierten die Urner hier den Warenverkehr über die Gotthardroute. Zugleich diente das Dazio als Gasthaus, Herberge und Station für den Pferdewechsel. Mit der Eröffnung der Gotthardbahn 1882 und dem damit einhergehenden Einbruch des Warenverkehrs auf der Strasse verlor es diese Bedeutung zunehmend.
Beim gemeinsamen Mittagessen war Zeit, die Eindrücke zu vertiefen und sich fachlich auszutauschen. Anschliessend folgten im historischen Gewölbe Präsentationen zu aktuellen Fragen des IVS. Ulrike Marx sprach über die Zusammenarbeit zwischen kantonalen Fachstellen und dem Bund, während Hans Schweri anhand der bisher geförderten Projekte aufzeigte, wie und wo die Finanzierungshilfen des ASTRA an IVS-Instandstellungsprojekte eingesetzt werden und welche Wirkung sie über den Erhalt historischer Verkehrswege hinaus entfalten. Erika Flückiger Strebel beschloss die Fachveranstaltung mit einem Bericht zu den bisherigen Ergebnissen des Projekts zur Nachführung des IVS-Bundesinventars und zu den für die nächsten Jahre geplanten Arbeiten.
Ein herzliches Dankeschön gilt den Referenten, die uns durch die Piottinoschlucht geführt haben, der Denkmalpflege des Kantons Tessin als Mitorganisatorin der Fachveranstaltung sowie allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die teilweise von weither angereist sind, um sich mit uns auf den historischen Weg durch die Piottinoschlucht zu begeben. Wir freuen uns auf die nächste Fachveranstaltung und den weiteren Austausch rund um die historischen Verkehrswege der Schweiz.





